Der Gender Pension Gap beschreibt die Differenz zwischen den Alterseinkommen von Frauen und Männern – und diese liegt in Deutschland bei erschreckenden 27 bis 37 Prozent. Diese Rentenlücke stellt nicht nur ein individuelles Problem dar, sondern gefährdet die finanzielle Sicherheit von Millionen von Frauen im Alter.
Wichtige Erkenntnisse
- Der Gender Pension Gap in Deutschland beträgt 27-37%, während Männer durchschnittlich €1.370 monatlich erhalten und Frauen nur €940
- Drei Hauptursachen treiben die Rentenlücke: Gender Pay Gap, Erwerbsunterbrechungen und unbezahlte Care-Arbeit
- Die „Motherhood Penalty“ reduziert das Rentenniveau erheblich – von €1.080 bei kinderlosen Frauen auf €800 bei drei Kindern
- Frauen leben 5-7 Jahre länger als Männer, müssen aber ihre geringeren Ersparnisse über einen längeren Zeitraum strecken
- Systemische Lösungen wie Care-Credits und automatische Enrollment-Systeme können den Gap um bis zu 5% reduzieren
Definition und Ausmaß des Gender Pension Gap
Der Gender Pension Gap bezeichnet die prozentuale Differenz der durchschnittlichen Alterseinkommen von Frauen im Vergleich zu Männern. Diese Kennzahl unterscheidet sich grundlegend vom bekannteren Gender Pay Gap, da sie die kumulierten Auswirkungen lebenslanger Ungleichheiten widerspiegelt.
Die aktuellen Zahlen verdeutlichen das Ausmaß dieser Ungerechtigkeit:
- Deutschland: 27-37% laut Statistischem Bundesamt
- GDV-Studie: 52% höhere Alterseinkommen für Männer in Westdeutschland
- EU-Durchschnitt 2021: 29%
- OECD-Industrieländer: durchschnittlich 26%
- Global: 25-40% Rentenlücke
Der Gender Pension Gap entsteht durch ein komplexes Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die drei Haupttreiber verstärken sich gegenseitig und schaffen einen Teufelskreis der Benachteiligung.
1. Gender Pay Gap als Grundlage
Die Lohnlücke zwischen den Geschlechtern bildet das Fundament der späteren Rentenlücke. In Deutschland verdienen Frauen 18% weniger pro Stunde als Männer. Diese Lohnungleichheit setzt sich direkt in geringeren Rentenansprüchen fort, da sowohl staatliche als auch betriebliche Altersvorsorgeansprüche an das Erwerbseinkommen gekoppelt sind.
2. Erwerbsunterbrechungen und Teilzeitarbeit
Erwerbsunterbrechungen wirken sich überproportional auf die Altersvorsorge aus. In der EU sind 75% der Teilzeitbeschäftigten Frauen. Deutsche Mütter weisen durchschnittlich nur 11 Beitragsjahre auf, während Männer auf 15 Jahre kommen. TIAA-Studien belegen: Frauen verlieren durch Erwerbspausen durchschnittlich $131.000 an Sozialversicherungsansprüchen.
3. Unbezahlte Care-Arbeit
Weltweit übernehmen Frauen 75% der unbezahlten Pflegearbeit. Diese Care-Arbeit führt zu reduzierten Arbeitszeiten, geringeren Karrierechancen und damit zu niedrigeren Rentenansprüchen. Das Rentensystem honoriert diese gesellschaftlich wichtige Arbeit nicht angemessen.
Deutschland und Europa im Vergleich
Die Rentenlücke variiert erheblich zwischen den europäischen Ländern. Diese Unterschiede verdeutlichen, dass der Gender Pension Gap kein unabwendbares Schicksal ist, sondern durch politische Entscheidungen beeinflusst werden kann.
Land | Gender Pension Gap | Besonderheiten |
---|---|---|
Luxemburg | 44% | Höchste Rentenlücke in der EU |
Malta/Niederlande | 40% | Sehr hohe Ungleichheit |
Deutschland West | 37% | Deutliches Ost-West-Gefälle |
Deutschland Ost | 10% | Bessere Werte durch DDR-Erwerbsbiografien |
Dänemark | 7% | Vorbildliche Familienpolitik |
Estland | 2% | Geringste Rentenlücke in der EU |
In Deutschland erhalten Männer durchschnittlich €1.370 Monatsrente, während Frauen nur €940 bekommen. Die Netto-Renten zeigen 2023 noch drastischere Unterschiede: Frauen €936 versus €1.427 bei Männern.
Die Motherhood Penalty: Wie Kinder die Rente beeinflussen
Die sogenannte „Motherhood Penalty“ zeigt sich besonders deutlich in den Rentenzahlen. Jedes Kind reduziert systematisch das spätere Rentenniveau von Müttern:
- Kinderlose Frauen: €1.080 Monatsrente
- Ein Kind: €970 Monatsrente (-10%)
- Zwei Kinder: €920 Monatsrente (-15%)
- Drei Kinder: €800 Monatsrente (-26%)
TIAA-Studien bestätigen diesen Trend international: Mütter bilden 30% weniger Rücklagen als kinderlose Frauen. Gleichzeitig leben Frauen 5-7 Jahre länger als Männer und müssen ihre geringeren Ersparnisse über einen längeren Zeitraum strecken.
Auswirkungen auf Altersarmut und Lebensqualität
Der Gender Pension Gap führt zu konkreten Benachteiligungen im Alter. Bei 55- bis 64-Jährigen in Deutschland beträgt das Median-Rentenvermögen von Frauen €152.000, während Männer €228.200 (+50%) besitzen.
Diese finanzielle Ungleichheit hat weitreichende Konsequenzen:
- Altersarmut: Höheres Risiko für Grundsicherung im Alter
- Lebensqualität: Eingeschränkte Möglichkeiten für Freizeitaktivitäten und Reisen
- Gesundheitsversorgung: Schwierigkeiten bei der Finanzierung zusätzlicher Behandlungen
- Wohnsituation: Zwang zum Umzug in günstigere, oft schlechtere Unterkünfte
- Soziale Teilhabe: Reduzierte gesellschaftliche Partizipation durch finanzielle Beschränkungen
Historische Benachteiligungen verstärken diese Problematik: Ältere EU-Rentnerinnen erhalten bis zu 25% weniger als ihre männlichen Altersgenossen. In Großbritannien wird staatliche Rentengleichheit erst für 2041 prognostiziert.
Internationale Lösungsansätze und ihre Wirksamkeit
Verschiedene Länder haben bereits innovative Ansätze zur Reduzierung des Gender Pension Gap entwickelt. Diese Maßnahmen zeigen messbare Erfolge und können als Vorbilder dienen.
Care-Credits: Das skandinavische Modell
Schweden und Norwegen führen Care-Credits für Erziehungs- und Pflegezeiten ein. Diese Anrechnungszeiten reduzieren den Gender Pension Gap um nachweislich 5%. Das System honoriert Care-Arbeit direkt durch Rentenpunkte.
Automatische Enrollment-Systeme
Großbritannien setzt auf automatische Einschreibung in betriebliche Renten. Allerdings profitieren nur 47% der teilzeittätigen Frauen von dieser Regelung, während 78% der Männer automatisch eingeschrieben werden. Diese Diskrepanz zeigt Verbesserungsbedarf bei der Umsetzung.
Transparenz und Berichtspflichten
Die TUC (Trade Union Congress) fordert staatliche Gender Pension Gap-Reportings für alle Unternehmen. Diese Transparenzmaßnahmen sollen ähnlich dem Equal Pay Day Bewusstsein schaffen und Veränderungen vorantreiben.
Handlungsfelder für Unternehmen
Unternehmen spielen eine zentrale Rolle bei der Reduzierung des Gender Pension Gap. Verschiedene Maßnahmen können direkten Einfluss auf die Altersvorsorge ihrer Mitarbeiter:innen nehmen.
Konkrete Handlungsoptionen umfassen:
- Betriebliche Altersvorsorge: Gleichberechtigte Zuschüsse auch bei Teilzeitarbeit
- Flexible Arbeitsmodelle: Ermöglichung von Vollzeitäquivalenten trotz Care-Verpflichtungen
- Kinderbetreuung: Ausbau betrieblicher Betreuungsangebote
- Wiedereinstiegsprogramme: Strukturierte Rückkehr nach Familienpausen
- Gehaltstransparenz: Aufdeckung und Beseitigung von Lohnungleichheiten
Alleinerziehende Mütter benötigen dabei besondere Unterstützung, da sie oft die höchsten Rentenlücken aufweisen.
Politische Reformbedarfe
Die EU-Kommission identifiziert mehrere politische Hebel zur Reduzierung des Gender Pension Gap. Diese systemischen Veränderungen erfordern koordinierte Anstrengungen auf verschiedenen Ebenen.
Zentrale Reformansätze sind:
- Kinderbetreuungsausbau: Flächendeckende, qualitativ hochwertige Betreuungsangebote
- Splitting-Systemreformen: Überarbeitung steuerlicher Anreize für traditionelle Rollenverteilung
- Gender Budgeting: Geschlechtergerechte Bewertung aller Rentenreformen
- Care-Credits: Nationale Einführung von Anrechnungszeiten für unbezahlte Arbeit
- Mindestrentengarantien: Absicherung gegen Altersarmut trotz unterbrochener Erwerbsbiografien
Fazit: Ein systemisches Problem erfordert systemische Lösungen
Der Gender Pension Gap stellt ein fundamentales Problem der Geschlechtergerechtigkeit dar. OECD-Analysen kritisieren, dass kapitalgedeckte Modelle Lohnungleichheiten perpetuieren und benachteiligte Gruppen weiter zurücklassen.
Die Rentenlücke vergrößert sich mit dem Alter und betrifft alle gesellschaftlichen Bereiche. Ohne systemische Änderungen werden Millionen von Frauen auch in Zukunft von Altersarmut bedroht sein.
Wir bei FEMALE RESOURCES unterstützen Unternehmen dabei, geschlechterfaire Strukturen zu entwickeln und den Gender Pension Gap so aktiv zu reduzieren. Gemeinsam können wir eine gerechtere Zukunft für alle Geschlechter gestalten – eine Zukunft, in der finanzielle Sicherheit im Alter nicht vom Geschlecht abhängt.
Die Zeit für Veränderungen ist jetzt. Jeder Tag ohne Handeln vergrößert die Rentenlücke für die nächste Generation von Frauen.
Quellen:
tiaa.org Women Are Facing a Retirement Crisis
EIOPA DC Roundtable Gender Gap in RS and Policy Options
TUC Research Analysis Reports Gender Pensions Gap
OECD Towards Improved Retirement Savings Outcomes for Women
parliament.uk CBP-9517
worldbank.org Gender Pension Gap Publication
prospect.org.uk What is the Gender Pension Gap
worldbank.org Gender Pension Gap What Does It Tell Us
gdv.de Gender Pension Gap Media